So, das war‘s also. 13 Jahre Schule, neun Jahre Gymnasium, vier Abiturprüfungen und ein Gedanke: geschafft! Seit einigen Wochen bin ich nun da angelangt, worauf jeder Schüler doch irgendwie immer hinarbeitet – nie mehr Unterricht. Zeit um zurückzuschauen und einen Blick zu werfen hinter die Kulissen der Schulzeit eines Abiturienten aus dem letzten G9-Jahrgang.

Am Anfang meiner Gymnasiallaufbahn
Als ich an meinem elften Geburtstag meinen ersten Schultag am Gymnasium in Marktbreit erlebte, hatte ich noch keine Ahnung was es mit diesem so genannten „Abitur“ alles so auf sich hat. Natürlich wusste ich, dass es am Ende der Schulzeit steht und zu einem Studium berechtigt. Aber so ziemlich alle anderen Vorstellungen, die ich hatte, erwiesen sich als mehr oder weniger unzutreffend: Nein, ein 1-er-Schnitt ist nicht unmöglich. Nein, Abiturprüfungen sind nicht unlösbar schwer und nein, die Endnote besteht gar nicht nur aus zwei oder drei Prüfungsergebnissen.
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| Der Artikel wurde wörtlich genauso in der “Grauzone”-Printausgabe veröffentlicht und primär für diese geschrieben. |
Heute, zwei Fußball-WMs und EMs später, weiß ich vieles besser. Doch wie vor neun Jahren nach der Grundschule bleiben auch nach dem Ende meiner Gymnasialzeit gemischte Gefühle. Denn spätestens seit dem 2. Mai steht dem sentimentalen Zurückschauen ein unsicherer Blick in die Zukunft gegenüber.
Wie schwer es zumindest mir fällt, ganz loszulassen, zeigt sich schon daran, dass ich wie die letzten Jahre auch die Aufführungen des Schulzirkus technisch unterstütze. Genauso selbstverständlich verfasse ich einen Artikel für die Grauzone, unterhalte mich gerne auch mal länger mit meinen ehemaligen Lehrern und erkundige mich immer wieder, was sich denn an meiner nun ehemaligen Schule so tut.
Doch natürlich wird die freie Zeit, für die vor allem das Fehlen jeglicher Form eines vorgegebenen Tagesablaufs charakteristisch ist, auch anders gefüllt. Zunächst war da selbstredend die Freude über die geschafften Abiturprüfungen, die entsprechend gefeiert wurde, so dass dabei auch schonmal beim Heimkommen der jüngere Bruder gerade am Aufstehen für die Schule war. Und während es für die ersten bayrischen G8-Schüler in die heiße Phase ging, konnte ich mit einem Mitkollegiaten in den USA mal so richtig Abstand von der gewohnten Umgebung gewinnen. Dachten wir zumindest, bis wir in unserer zweiten Woche beim Frühstück in Washington von anderen Deutschen auf unsere Studienpläne angesprochen wurden, wodurch uns schlagartig wieder klar wurde, dass das Leben nach der Schule eben doch nur für zwölf Tage aus Weißem Haus, Empire State Building und Kapitol besteht.
Nein, zurück in Deutschland bestimmten wieder andere Dinge meinen Alltag. Da war zunächst die Vorfreude auf meine Freundin, die nach fast zehn Monaten Auslandsaufenthalt neun Wochen nach meiner letzten Abiturprüfung zurückkommen sollte. Und da waren auch über zehn zeitaufwendige Artikel, die für die Abizeitung geschrieben werden wollten. Da waren die letzten Fußballspiele der Saison, die mit der Meisterschaft endeten. Da waren natürlich auch Besuche im Freibad oder Abende, an denen man sich zum Reden traf. Aber über allem schwebte von Anfang an und bis heute eine Sache: die Studiumsentscheidung.
Auch wenn es wohl niemand böse meint, die Fragen von Nachbarn, Verwandten und ehemaligen Lehrer machen einem doch jedes Mal von neuem bewusst, dass die Zeit gegen einen läuft. Dabei weiß wohl kaum einer von diesen Leuten, wie schwer so eine Wahl sein kann. Anders viele Mitabiturienten, denen es häufig nicht besser geht und mit denen ein Gespräch deshalb für etwas persönliche Erleichterung sorgen kann. Aber warum ist es so schwer zu entscheiden, mit was man sich die nächsten Jahre beschäftigen und irgendwann sein Geld verdienen möchte? Früher, im Mittelalter, war die Sache einfach, denn damals gab es an den Universitäten nur vier Fächer. Heute sieht die Sache komplett anders aus: allein in Deutschland werden zur Zeit mehr als 12.000 Studiengänge angeboten. Um herauszufinden welcher der richtige ist, muss man viele Schritte gehen. Wenn man sich klar geworden ist, für welche Themen man die größte Begeisterung aufbringt, gilt es abzuwägen, ob nicht andere Studiengänge finanziell lukrativer erscheinen. Und selbst wenn man sich für ein Fach entschieden hat, stellt sich die fast genauso schwere Frage nach dem wo. Daheim wohnen oder doch lieber richtig Abstand gewinnen? Kleine Universität, billige Mieten, gute Reputation, nette Stadt oder von allem ein bisschen? Selbst bei gleicher Fachbezeichnung unterscheidet sich die Gestaltung der Studieninhalte häufig von Universität zu Universität.
Dass ich nicht allzu weit von zu Hause entfernt studieren möchte, war für mich schon lange klar. Aber was und wo genau ist bis jetzt noch nicht endgültig entschieden. Denn trotz vielem Lesen und vielen Gesprächen ist es ungemein schwierig, sich eine genaue Vorstellung von der Wirklichkeit als Student zu machen. Das wurde wohl auch vom Ministerium erkannt, denn die vermehrte Studien- und Berufsvorbereitung ist eine der Änderungen, die im Zuge des G8 an die Gymnasien kamen. „Die ganzen Neuerungen können euch doch egal sein, ihr seid doch noch G9“, könnte man meinen. Doch dem war definitiv nicht so. Bei aller Freundschaft gab es doch ständige Stichelein zwischen der letzten G9- und der ersten G8-Abiturklasse. Wir bekamen häufig zu hören, wir sollten froh sein, nicht als Versuchskaninchen zu dienen und deutlich entspanntere Stundenpläne zu haben. Aber auch für uns gab es Anlass zur Empörung: die wenigsten G8ler wussten zu schätzen, was es für ein Vorteil ist, zweisprachige Wörterbücher zu benutzen oder die mündlichen zu den schriftlichen Noten 1:1 zu gewichten. Viele von uns hatten die Vermutung, die Verkürzung um ein Jahr sei vor allem durch eine Herabsetzung des Niveaus möglich. Und als dann nach dem G8-Abitur Zahlen bekannt wurden, die verglichen mit den Vorjahren nun doppelt so viele Hochbegabte, 40 % mehr Schüler mit einem Schnitt von 1,5 oder besser und insgesamt eine Verbesserung um 0,2 – 0,4 Noten auswiesen sahen wir uns bestätigt. Denn diese Leistungssteigerungen können bei einem ach so verkorksten System ja kaum auf die bessere Prüfungsvorbereitung, sondern viel mehr auf geringere Ansprüche zurückzuführen sein. Doch der doppelte Abiturjahrgang hatte auch auf uns einige Auswirkungen und besonders die Tatsache, dass uns weniger Zeit zur Vorbereitung auf die Prüfungen blieb sorgte bei vielen für Unmut.
Spätestens jetzt kann ich – wie überhaupt im ganzen Artikel – nur noch für mich sprechen, da es vielen sicher auch ganz anders erging. Aber die circa acht Wochen vor und auch die drei Wochen während den Prüfungen waren der absolute Ausnahmezustand: außer Fußball und Freundin war für kaum noch etwas Zeit. Besonders der Stoff des Geschichte-LK erschien zwar unglaublich interessant, aber endlos. Heute bin ich froh, mir dieses und vieles andere Wissen angeeignet zu haben. Und um ehrlich zu sein: was sind zwei Monate Anstrengung am Ende von 13 Jahren Schulzeit? Im Rückblick erscheint es heftig, sich jeden Tag zwei Wecker zu stellen, weil ein verlorener Vormittag nicht zu riskieren war. Aber als wir dann unsere Noten erfuhren, war der Großteil positiv überrascht und auch ich hatte nicht mit einem so zufrieden stellenden Ergebnis gerechnet – der extrem intensive Aufwand hatte sich gelohnt.
Was bleibt nun also? Ich wünsche mir für die Abiturienten nach mir, dass ihre Leistungen in der Gesellschaft anerkannt werden. Sicher, viele gratulieren zu einem guten Abiturschnitt und doch bleibt der Eindruck, dass Schüler von Berufstätigen nicht ernstgenommen werden. Das ist schade und falsch, denn ein gewissenhafter, ehrgeiziger Abiturient kommt sicher auch auf acht Stunden Lernen am Tag – gerne auch mal ohne Unterbrechung am Wochenende.

Am Ende meiner Gymnasiallaufbahn (© Foto Schönherr, Marktbreit)
Für mich folgt nun ein Praktikum, ein bisschen Geld verdienen unter anderem als Inventurhilfe, wo im übrigen niemand nach dem Schulabschluss fragt, Zeit mit Freundin und Freunden und hoffentlich auch etwas Entspannung. Aber ein Gefühl, dass schon vor zwei, drei Jahren in mir aufkam, hält sich hartnäckig: vielleicht ist die Schulzeit doch die schönste Zeit im Leben. Im Herbst jedenfalls, um meinen 20. Geburtstag herum, beginnen deutschlandweit für über zwei Millionen Studenten die Vorlesungen zum Wintersemester und ich werde dabei sein.
Dieser Artikel, ein Reisebericht aus den USA, Kommentare zur Schulpolitik und vieles mehr findet sich auf dem Blog von Tobias Herbst unter www.mrautumn.de .


